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Schwarze Sonnen

von Angela Kuepper

Eine mediale Reise in das dunkle Reich der Krebszellen

Unruhige Atemzüge schlagen mich in ihren Bann. Es ist fünf Uhr morgens auf der Krebsstation. Nur wenige Meter neben mir schläft eine Frau, Anfang vierzig, mit Brustkrebs. Ich spüre den Sog dieses Schicksals, eines anderen Schicksals... Ihr Atem wird zu meinem Mantram, und als meine Atemzüge zu einem tiefen, gleichmässigen Rhythmus finden, beginne ich mit einer anderen Art der OP-Vorbereitung...

Während ich einfach das Ein- und Ausströmen der rings um mich von Angst erfüllten Luft beobachte, entspannt sich mein Körper tiefer und tiefer, und mit dem Beobachten verschmelze ich langsam mit jenem unzerstörbaren Teil meiner selbst, der hinter meinem Atem, hinter meinen Gedanken und Gefühlen liegt. Mein geistiger Führer, engster Freund jener Zeit, wartet auf mich in diesem besonderen Raum. Er wird mir sein weises Auge leihen, um mich auf das aufmerksam zu machen, was so dringend der Heilung bedarf, dass es meinen Körper zu zerstören droht. Mein Blick zieht sich zurück aus dem dämmrigen, tristen Krankenzimmer, und während meine Augenlider sich wie von selbst schliessen, nimmt meine Reise durch meinen Körper ihren Anfang, eine Reise der medialen Sinne. «Inwendiges Hellsehen» nennt man diese Technik, doch es ist nicht so sehr das Sehen, das meine Erfahrung bestimmt: Während mein geistiger Führer mir den Weg durch das Wunder des menschlichen Körpers weist, vernehme ich einen feinen Klang, den Klang gesunder Zellen, verwoben zu einer Melodie, dem Lied meines Selbst. Alles Leben ist Schwingung – Licht und Ton.

So gleite ich hellsehend, hellhörend durch meinen Körper, und als mein geistiger Führer seinen Flug verlangsamt, werde ich mir der kaum merklichen Veränderung gewahr – als würde ein fast nicht mehr im Hörbereich liegender Unterton das Lied stören... Wir nähern uns dem Tumor. Wie ein Musiker, der die Saiten seines Instruments stimmt, vertiefe ich mich in den Klang der Zellen und erspüre nach und nach die Grenze zwischen gesundem und krankem Gewebe. Wahrnehmen kann ich diese Grenze, doch mich selbst abgrenzen, schützen? Medialität bedeutet auch Hingabe, Vertrauen in die Kraft und Wahrhaftigkeit der geistigen Inspiration. Sie wandelt uns, sie sprengt die gordischen Knoten unserer innerpsychischen Muster... Und so gebe auch ich mich im weiteren Verlauf dieser Reise der geistigen Führung hin und lasse mich vor allem dort inspirieren, wo ich allein die Knoten nur noch enger ziehen würde.

Mein geistiger Führer kennt mich zutiefst, er weiss um meine Unfähigkeit, mich zu schützen (und in ebendiesem Punkt mag sich so mancher wiedererkennen), doch er weiss auch um meinen starken Schutzinstinkt, wenn es um andere geht. In seiner Weisheit überantwortet er mir den Schutz der gesunden Zellen. Und als würde er wieder und wieder die Stimmgabel anschlagen, hilft er mir, den reinen Klang dieser Zellen zu bewahren und ihn anwachsen zu lassen, zu verstärken. Das Lied hat sich gewandelt, es ist wieder ein wenig freier geworden... Göttlicher Ton, göttliches Licht strömt nun aus der geistigen Welt in die Grenze zwischen gesundem und krankem Gewebe, und ich weiss in diesem Augenblick mit Sicherheit, dass der Chirurg in wenigen Stunden eben hier, gerade noch im Bereich des Gesunden, schneiden wird. Eine letzte Möglichkeit, das Wesen der Krankheit zu erkunden!

Und während der grösste Teil meines reisenden Selbst im geschützten Raum der klangerfüllten Zellen verbleibt, macht sich ein Teil meines Bewusstseins auf eine schamanische Reise mitten in das Reich der Krebszellen. Auf geistigen Schwingen gelange ich immer tiefer in die drückenden Disharmonien hinein. Hier gibt es keine Lieder. Wir beginnen zu tauchen, in die Zellen des Tumors... Vor uns erhebt sich ein dunkler Umriss, er erinnert mich an eine Schiffsschraube. Noch ein Stück tiefer, näher heran... Die Schiffsschraube verlangsamt ihre Umdrehung, kommt nach und nach zum Stillstand – und von jenem tiefen Unterton begleitet, der das Klangbild der sich verändernden Zellen bestimmt, beginnt sie sich nun in die entgegengesetzte Richtung zu drehen. Ihr Sog scheint die umliegenden Zellen unweigerlich in die zwangsläufige Zerstörung zu führen. Wie eine schwarze Sonne. Schwärzer als schwarz, einsam, anstelle von Leben – oder Tod – von Vernichtung erfüllt. In Bruchteilen von Sekunden rasen Bilder des Verstehens durch meinen Geist: sich falsch herum drehende Zellen, gegen die schöpferische Spirale... Unter vielem anderen auch ein Sinnbild eines regressiven Elements, wie der beständige Wunsch, zurück in eine Urgeborgenheit zu gelangen – eben zurück und nicht hinein...

Ich könnte diesen schwarzen Sonnen nicht allein mit den Geschützen der Schulmedizin gegenübertreten. «Kampf dem Krebs!» heisst es, und da wird eliminiert, bestrahlt, mit chemischen Waffen bombardiert... In all den Gesprächen mit den geschlagenen Ärzten, die mich als Patientin hatten, konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass letzten Endes die Angst (der Ärzte) vor dem Tod treibender Faktor ihrer Therapievorschläge war. Doch Zerstörung ist nicht Heilung, und strebt nicht alles Leben nach Heilung, Liebe, Erlösung? Ja, die Medialität hat mich gewandelt, ich weiss, ich kann nur meinen Weg gehen.

«Heilende Hinwendung» lautet das Zauberwort der tibetischen Buddhisten. Doch der zerstörerische Sog, der von den schwarzen Sonnen ausgeht, ist in diesen Augenblicken zu stark für mich; die Stimmgabel bleibt ungehört, sie kennen keine Lieder. So habe ich mich damals für den kleinstmöglichen chirurgischen Eingriff entschieden – und für das höchstmögliche Mass an Achtsamkeit, an geistiger Führung und Heilung. Allein die reine göttliche Kraft vermag die schwarzen Sonnen umzupolen, zu wandeln, zu heilen: Alchimie, wie vor 2000 Jahren, so auch im neuen Jahrtausend...

Mein geistiger Führer geleitet mich zurück, hilft mir, die Teile meines reisenden Selbst zu einen, die Bilder verständlich zu übersetzen. Um wie vieles reicher erwache ich!

Noch ist ein synergetisches Zusammenspiel von Schul- und Naturmedizin, Psycho- und spiritueller Therapie in der Behandlung von Krebskranken in den meisten Fällen Utopie. Unsere Kinder und Kindeskinder werden den Weg finden (müssen), «... ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen», wie Khalil Gibran wie kein anderer schreibt. Uns bleibt die Chance, mit Hilfe unserer medialen Träume und Reisen das Haus von gestern und heute aufzuräumen, von den Altlasten unserer und früherer Generationen zu befreien.

Kaum eine Begegnung vermag uns selbst so zu wandeln wie die Nähe der geistigen Welt, unsere Medialität. All die grösseren und kleineren Krisen unseres Erdenlebens werden zu Puzzleteilen des göttlichen Spiels. Und immer wenn wir glauben, einen Eindruck des fertigzustellenden Bildes zu erhaschen, ändert sich das Gefüge, wartet eine neue Lernaufgabe bereits hinter den Kulissen. Denn nichts ist beständiger als der Wandel...

© TRILOGOS STIFTUNG 2012. Alle Rechte vorbehalten | Letzte Aktualisierung 21.10.2020